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Tokio-Marathon, 22.02.2015

42,195 Kilometer durch Tokio – ein Erlebnis der besonderen Art

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Fast ein Jahr Vorfreude, acht Wochen Vorbereitung und dann das: Die Achillessehne ist dick und es sind nur noch vier Wochen bis zum Start des diesjährigen Tokio-Marathons, einer der ‚big six‘, der noch auf mei-ner Liste steht (stand!). Vierzehn Tage Laufpause und zehn Tage ein täglich wechselnder Zinkleim-Verband helfen zumindest so, dass die Sehne abschwillt und beim Probelauf nach 14 Tage 18 Kilometer ohne nennenswerte Beschwerden schafft. Wird das reichen? Und, wieviel sollte oder darf ich noch in den letzten 14 Tagen laufen, um nicht zu übertreiben und doch wieder ein bisschen ans Laufen zu kommen? Die Frage wird sich nicht mehr stellen: Zwei Tage später streckt mich ein Virus nieder … Es scheint das ‚Aus‘. Die Enttäuschung ist groß … aber, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Einen Tag vor der geplanten Flugreise nach Tokio fällt die Entscheidung zugunsten des Fluges und des Reiseantritts. Das Virus ist auf dem Rückmarsch, kein Fieber, die Abgeschlagenheit vorbei – nur noch ein krächzender Husten sorgt für Unsicherheit. Wir werden erst einmal reisen, dann sehen wir weiter.

Tokio empfängt uns mit kühlen Temperaturen um die 6 Grad Celsius und einer Sprache, die wir nicht einmal im Ansatz verstehen. Wir tauchen ein in eine uns völlig fremde Welt. Irgendwie ist alles anders: Die Mentalität der Menschen, ihr Auftreten in der Öffentlichkeit, ihre Gestik, ihre Mimik und natürlich ihre Sprache in Wort (Zeichen) und Klang. Die Marathonmesse gleicht einem Jahrmarkt. An jedem Stand wird lautstark die jeweilige Ware angeboten. Der sonst so kühle Japaner ist nicht wiederzuerkennen.

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Der Tag der Tage naht. Noch bin ich unentschlossen, ob ich wirklich starten soll. Wird die Sehen halten und was wird mein ‚body‘ sagen, der immer noch hustet …. Wahrscheinlich ist es mindestens unvernünftig zu starten – hoffentlich nicht gefährlich? Letztlich siegt der Reiz: Wenn ich schon mal da bin, kann ich es ja einfach einmal probieren.

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Die Strategie ist klar: Unterschwellig laufen, bloß nicht zu schnell, keine Zeitvorgaben, keine Zeitziele, das Ohr an der Sehne und der Muskulatur und natürlich an den Bronchien. Start um 09:15 Uhr, letzter Einlass in den Startblock um 08:45 Uhr. Davor Sicherheitskontrollen mit Body- und Taschencheck und Metalldetektoren. Wie lange wird das dauern? Es ging erfreulich zügig, aber ich hatte ja auch keine Trinkflaschen dabei. Auch das ist neu in Tokio: Aus Sicherheitsgründen dürfen keine – nicht original verpackten – Getränke mit an den Start gebracht werden. Riegel sind o.k., aber keine Flüssigkeiten; mein geliebtes Vitargo ‚ade‘! Was soll das werden. Dann die Idee: Mein Coach Johannes nimmt die angerührten Vitargo-Fläschchen mit an die Strecke und wird Sie mir anreichen. Welch‘ ein Service. Ich finde Gefallen daran. Jetzt muss ich die Fläschlein jedenfalls nicht schleppen. Hoffentlich treffen wir uns an den vereinbarten Treffpunkten bei 22km und 34 km.

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Bis Kilometer 21,095 schwebe ich leichtfüßig durch den Marathon-Parcours. Das Tempo ist moderat zügig. Ich bin kaum außer Atem und genieße den Lauf, der am Kaiserpalast, dem Tokio Tower und dem Zöjö-ji Tempel vorbei geht. Überhaupt ist der erste Teil der Strecke der attrak-tivere – nicht nur, weil man sich als Läufer fitter fühlt, sondern weil die Stadt in diesen Bereichen noch älter und traditioneller ist. Also, ich schwebe, das Ohr an der Sehne meldet keine Schmerzen, die Muskula-tur macht ihren Job. Ich schöpfe Hoffnung und bin jetzt doch froh gestartet zu sein. Ich genieße die tolle Stimmung der zahlreichen Zuschauer. Trotz des kalten Wetters stehen überall Leute am Rand und applaudieren.

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Die Hoffnung wächst, dass ich mit diesem moderaten Tempo die richtige Strategie gewählt habe und hoffentlich glatt durchkomme. Ab Kilometer 25 – jetzt bin ich bereits nach Norden unterwegs und laufe durch mit modernen Hochhäusern gesäumte Straßen – wird die Muskulatur langsam müde, aber es geht noch. Bedenken scheinen noch nicht angebracht. Seit Kilometer 22 laufe ich mit dem vertrauten Vitargo-Fläschen und substituiere regelmäßig. Bei Kilometer 30 – jetzt bin ich schon auf dem Rückweg wieder nach Süden ins Stadtzentrum – fühle ich mich noch erstaunlich gut. Obwohl die Muskeln schwerer werden, meckern sie wenig. Der gefürchtete, weil anfällige Muskel am rechten hinteren Oberschenkel, der gerne Probleme bereitet, ist unauffällig.

Dann kommt es Knall auf Fall: Besagter Muskel des hinteren rechten Oberschenkels hat genug. Er fängt an zu ziehen – eine klare Warnung, lange mache ich nicht mehr mit. O.k., eine Geh-Pause kann nicht scha-den. … Zwischen Kilometer 33 und 34 ist es dann trotzdem so weit, der Muskel krampft. Strategie nicht aufgegangen. Ich muss an den Rand, lockern, vorsichtig dehnen, lockern … Freundliche Japaner helfen mit einem Spray, das ich nicht kenne, aber eifrig auf den Muskel sprühe, weil es alle tun, die hier unfreiwillig am Rand stehen. Ich bin – welch‘ schwacher Trost – nicht die einzige.

Langsam nehme ich das Rennen wieder auf. Vitargo ist leer. Wo steht der Coach? Ohne Vitargo werde ich die ‚gefürchteten‘ letzten Kilometer über die diversen Hafenbrücken nicht schaffen. Da bin ich sicher. Ich weiß, die Brücken kommen ab Kilometer 35 und dann wird es richtig hart. Bei Kilometer 34 steht Johannes. Ich bekomme eine neue Stärkung und weiter geht es. Vitargo hilft dem Muskel und der Psyche, aber der Muskel bleibt in Krampfbereitschaft. Die Brückenanstiege muss ich gehen, laufen geht bergauf nicht mehr. …. Insgesamt werden es fünf große Brücken sein, die wir Läufer auf den letzten sieben Kilometer überwinden müssen.
Die Zeit läuft. Eigentlich bin ich nicht auf Zeit gelaufen, aber meine Uhr sagt mir, dass ich noch unter vier Stunden ins Ziel kommen kann, wenn ich dran bleibe – und keinen Krampf mehr bekomme. Ich möchte es ver-suchen. So sind die letzten Kilometer geprägt von dem Kampf gegen die Uhr und den drohenden Krampf im Oberschenkel. Erfreulich ist, dass die Sehne hält und keine Probleme macht. Überglücklich finishe ich schließlich mit 3:58:07 Uhr. Das Ziel habe ich unter vier Stunden erreicht. Das ist ein kleiner Teilerfolg für einen ursprünglich ganz anders gedachten Rennverlauf.

Im Ziel werden wir Läufer von zahlreichen ‚kleinen Japanern‘ für unsere Strapazen und Schmerzen belohnt. Die Begeisterung der Helfer ist einzigartig und bislang unvergleichlich. Jeder, der hier ankommt, fühlt sich als Sieger, weil er so euphorisch begrüßt wird. Ich weiß nicht mehr, wie viele japanische Hände ich abgeklatscht habe und wie viele Japaner und Japanerinnen sich vor mir und meinen Mitläufern verbeugt haben. Die Verbeugung ist in Japan ein Zeichen des Respektes. Ein großes Dankeschön an alle japanischen Helfer, die einen tollen Job gemacht haben und entscheidend zum Gelingen des Tokio-Marathons beigetragen haben.
Was sonst noch auffiel? Von etwa 36.000 Startern waren über 31.000 Japaner an Start und nur 7.200 Frauen. Europäische Läufer/Innen sind selten und deutsche Läufer/Innen noch seltener. Jeder Streckenabschnitt war mindestens mit Flatterband, häufig mit Gittern und Hütchen abgeriegelt. Etwa alle 100 Meter stehen am Rand emsige Helfer mit einem großen Müllbeutel, in die die Läufer ihren Müll werfen. Tun sie es nicht, sammeln die emsigen Helfer den Müll sofort ein. Tokio ist sicherlich der am stärksten durchorganisierte und der sauberste Marathon, den ich je gelaufen bin. Die starke Reglementierung und die Sicherheitsvorkehrungen beim Start waren ein bisschen nervig, das Wetter hätte besser sein können, aber die Stimmung und die Begeisterung der Zuschauer und Helfer waren einzigartig.

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Fotos: Lauffotos der ersten Streckenhälfte.
Foto: privat

Glückwunsch und vielen Dank an Birgit-Kirstin Pohlmann für diesen tollen Rennbericht!