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Niemand hat die Absicht 100 Meilen zu laufen – Der Berliner Mauerweglauf 2014 (Teil 3)

Das Wichtigste und Entscheidende gleich vorweg: Ich bin beim Berliner Mauerweglauf über 100 Meilen am 16./17. August an den Start gegangen, habe aber nicht gefinisht, sondern bin bei Kilometer 110 ausgestiegen.

Jetzt werden sich sicherlich viele von euch fragen: „Wie kann man nach 110 Kilometern aus dem Rennen aussteigen, wenn man nur noch 50 km zu laufen hat? Das ist ja fast so, als wenn man bei einem Marathon nach 25 km aussteigt!“ Ja, das stimmt, das ist so, aber wer selbst Läufer ist, weiß, dass man in einem Rennen in der Wettkampfsituation durchaus Entscheidungen trifft, die nicht unbedingt rational nachvollziehbar sind.

Aber der Reihe nach … .

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Der letzte Teil der Vorbereitung auf den Mauerweglauf läuft wie auch schon die Trainingsblöcke zuvor gut. Für die letzten beiden Wochen vor dem Rennen habe ich mir einerseits Regeneration sowie Tapering verordnet, d.h., dass ich den Wochenumfang um 30-50% reduziere, gleichzeitig aber auch das Lauftempo einiger Einheiten steigere, um mehr Spritzigkeit zu bekommen. Am Samstag vor dem Mauerweglauf mache ich entspannt den letzten Dreißiger zur Vorbereitung. Körperlich bin ich fit, aber ich merke, wie gerade in den letzten beiden Wochen die Nervosität deutlich zunimmt und sich auch so etwas wie Angst vor der ungewohnten und außergewöhnlichen Situation in meine Gedanken schleicht. Die vorletzte Nacht vor dem Rennen schlafe ich schlecht, in der letzten Nacht warte ich nur noch darauf, dass ich um kurz nach vier aufstehen kann und es endlich losgeht, aber das gehört wohl einfach dazu.
Das gemeinsame Essen und die informative Wettkampfbesprechung am Vorabend des Rennens in einem Hotel am Alexanderplatz vermitteln schon einen ersten Eindruck davon, wie professionell, aber auch mit wie viel Herzblut diese Veranstaltung von der LG Mauerweg aufgezogen wird. Da passt es gut ins Bild, dass die Veranstaltung mit rund 300 Startern einen neuen Teilnehmerrekord verzeichnet. Viele „Ultras“ kommen übrigens aus dem Ausland, hier sind vor allem die Italiener und Dänen stark vertreten.

Pünktlich um 6 Uhr erfolgt dann der Startschuss im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Stadtteil Prenzlauer Berg. Endlich geht es auf die genau 161,8 km lange Schleife rund um den westlichen Teil von Berlin, größtenteils wird auf dem Mauerweg gelaufen, der sich dort befindet, wo bis 1989 die Mauer West-Berlin vom Osten der Stadt bzw. von der DDR getrennt hat. Gelaufen wird diesmal im Uhrzeigersinn, d.h., wir laufen zuerst durch Berlin-Mitte, dann in den Süden von Berlin, von dort nach Potsdam am Wannsee vorbei, über Falkensee, Spandau und Frohnau geht es wieder zurück zum Start.

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Die äußeren Bedingungen am Wettkampftag sind optimal, mit rund 20° Celsius Außentemperatur ist es nicht zu warm (wie in den heißen Wochen zuvor befürchtet), nur zwei kurze Schauer sorgen für eine nicht unbedingt notwendige Abkühlung. Das einzige Manko auf den ersten 20 Laufkilometern im zentralen Stadtgebiet ist die Tatsache, dass an roten Ampelkreuzungen gewartet werden muss, da die Strecke nicht abgesperrt ist. Das macht es gerade zu Beginn schwierig den Laufrhythmus zu finden. Aber wenn man erst einmal aus dem Zentrum Berlins heraus ist, erlebt man die Hauptstadt auf dem Mauerweg von ihrer grünen und idyllischen Seite.

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Gerade die Streckenabschnitte um Potsdam und den Wannsee sind landschaftlich äußerst reizvoll, was selbst dem Tunnelblick der Ultras nicht entgeht.
Der erste große Wechselpunkt ist nach rund 60 Kilometern in Teltow. Ich bin mittlerweile in meinem „Ultra-Rhythmus“, spüre aber schon deutlich meine Beine und so langsam beschleichen mich doch ernsthafte Zweifel, denn immerhin gilt es jetzt noch gut 100 km zurückzulegen.

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Diese Gedanken beschäftigen mich dann auch die nächsten Stunden und nach und nach reift in mir die Erkenntnis heute (noch) nicht die 100 Meilen laufen zu können. Meine Betreuer, die alles an der Strecke geben und mich immer wieder mal ein Stück begleiten, wollen es nicht glauben, aber beim nächsten großen Verpflegungspunkt bei km 91 beschließe ich noch bis km 110 zu laufen und dann auszusteigen – das hat auch etwas Befreiendes.

Kilometerpunkt 110 erreiche ich nach knapp 12 Stunden (11:58) und bin unter den ersten 25 Läufern platziert – wie kann man da aufgeben, vor allem, wenn man weiß, dass man für die verbleibenden 50 km noch 12 Stunden hat, um unter der 24 Stunden-Marke zu bleiben (wofür es nach amerikanischem Vorbild eine Gürtelschnalle mit 100 Meilen-Motiv gibt) und noch gut 18 (!) Stunden bis zum Zielschluss? Ganz einfach: Ich kann mir in diesem Moment nicht vorstellen noch 50 Kilometer zu laufen, 20 vielleicht, aber nicht noch einmal dreißig oben drauf. Meine Betreuer geben mir zu verstehen, dass meine Mitstreiter mindestens genau so fertig sind wie ich, was ich ja auch selbst sehe, und als eine der Helferinnen am Verpflegungsstand hört, dass ich aussteigen will, bietet sie mir spontan eine heiße Badewanne oder Dusche in ihrem nahe gelegenen Haus an. Aber es hilft alles nichts: Nicht nur meine Beine sind fest, sondern vor allem der Kopf und der ist auf den Ultra-Distanzen nun mal entscheidend. Ich setze mich also ins Auto, lasse mich in die Ferienwohnung fahren und lege mich in die warme Wanne – und bin zufrieden mit meiner Entscheidung.

Das sieht naturgemäß am nächsten Tag schon ganz anders aus – was mir ja am Vortag vehement von meiner Frau prophezeit worden war. Nun hadere ich schon mit meiner Entscheidung und denke, dass VIELLEICHT nach einer 15 minütigen Pause und mit frischer Bekleidung noch was drin gewesen wäre, vor allem weil ich merke, dass ich kaum Muskelkater habe und mich besser als nach manchem Marathon bewegen kann. Aber das Lamentieren bringt mich auch nicht weiter, ich muss die richtigen Lehren aus dem Ausstieg ziehen.

Was war richtig?

Die körperliche Vorbereitung war ausreichend, ich brauche die hohen Kilometerumfänge mit bis zu 250 Wochenkilometern nicht, acht Wochen intensives Training mit im Schnitt 100 km reichen mir. Zwei oder drei kürzere Ultras zur Vorbereitung wären allerdings nicht schlecht gewesen, die zwei Marathons zur Vorbereitung waren (vor allem mental) zu wenig.
Die Ernährung rund um den Wettkampf und während des Rennens war top. In den Tagen vor dem Lauf habe ich die Speicher mit dem VITARGO Carboloader und Protein aufgeladen.

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Während des Rennens habe ich aus dem Trinkrucksack einen Liter VITARGO Elektrolyt gemischt mit einem Fläschchen Amino 14.000 Flüssig alle 25 Kilometer getrunken, dazu alle zwei Stunden eine Salt&More-Tablette. An den Verpflegungsständen, die alle sechs bis sieben Kilometer an der Strecke platziert sind, zusätzlich noch Elektrolyt, Apfelschorle, Wasser oder Cola gegen den Durst. Gegessen habe ich wie bei allen Ultras fast gar nichts, Magenprobleme oder Muskelkrämpfe kenne ich nur aus Erzählungen. Selbst die mitgeführten und stets griffbereiten Gels kommen nicht zum Einsatz, das VITARGO Elektrolyt ist einfach ideal für so einen Einsatz.

Was war nicht gut?

Meine mentale Strategie für das Rennen. Im Grunde genommen hatte ich gar keine, denn zu sagen: „Ich laufe mal bis 100 und dann gucken wir mal, was passiert!“, ist ja nicht wirklich eine erfolgversprechende Strategie. Wie könnte die aussehen? Längere Pausen an den drei zentralen Wechselpunkten (km 58, 91 und 138) verbunden mit einem Kleiderwechsel, vielleicht einer leichten Lockerung der Muskulatur, nicht zu lange (nicht länger als 15 Minuten), aber eben eine richtige Pause (was ich von meinen bisherigen Ultras her nicht kannte, aber da war die maximale Distanz eben auch nicht länger als 100 Kilometer).
Und was natürlich auch klar ist: Wer etwas Außergewöhnliches leisten will (100 Meilen laufen), muss auch bereit sein, außergewöhnlich zu leiden, 161 km sind eben 61 Kilometer mehr als 100 … .

Was bleibt?

Ein außergewöhnliches Erlebnis, viele neue Erfahrungen und der Wunsch, den Berliner Mauerweglauf in naher Zukunft doch noch zu finishen.
An dieser Stelle noch einmal ein ganz großes DANKESCHÖN an meine tollen Betreuer an der Strecke und an die Selmer VITARGOS, ohne euch wäre ich nicht so weit gekommen!

Mit Vitargo bei den 100 Meilen von Berlin - Mauerweglauf

Vielen Dank für den tollen Bericht!

Mehr Infos zu dem Lauf gibt es unter: http://www.100meilen.de

Bild- und Textquelle: Holger Deifuß